Aktualisiert am 04.02.2012

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Realistisch eingeschätzt

Osteoporose: Bedeutung für die Gesellschaft

Professor Dr. med. Dieter Felsenberg, Berlin

Wer einen Überblick über die gesundheitliche Situation der Bevölkerung bekommen möchte, muss erst einmal Daten und Fakten sammeln. Ein ganzes Fachgebiet – die Epidemiologie – befasst sich mit der Häufigkeit und Verbreitung von Krankheiten so­wie deren Folgen. Soziale, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Aspekte spie­len eine Rolle, wenn es darum geht, einzuschätzen, wie es um unsere Gesundheit bestellt ist, was das Gesundheitswesen leistet oder welche Trends zu erwarten sind.

Zur Osteoporose-Versorgung gab es bisher für Deutschland nur wenige gesicherte Daten. Am Institut für Gesundheits- und Sozialforschung in Berlin hat man sich die­sem Thema gewidmet und die BONE-EVA-Studie1 durchgeführt. Ziel der Studie war es, eine Einschätzung der Versorgung von Osteoporose-Patienten in Deutschland zu erhalten und die Behandlungskosten zu ermitteln. Dazu haben die Berliner Daten von Krankenkassen (Gmünder Ersatzkasse), Abrechnungsdaten von Ärzten (Zent­ralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung) und Daten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung für den Zeitraum von 2000 bis 2003 ausgewertet und Hochrechnungen erstellt.

Das Ergebnis: 7,8 Millionen Menschen, d.h. 25,8 % aller Menschen über 50 Jahre litten in Deutschland im Jahr 2003 an einer Osteoporose. Der Trend zeigt nach oben: Nach einer Hochrechnung der Berliner Gesundheitsforscher wird die Zahl der Osteo­porosepatienten in den kommenden zehn Jahren weiter steigen: In der Altersklasse 50plus erwartet man für das Jahr 2013 fast eine Million zusätzliche Osteoporosepati­enten, d.h. einem Anstieg um 13 %.

Durch den Knochenschwund steigt das Risiko für Knochenbrüche. Im Jahr 2003 hatten 4,3 % (333.322) der knapp 8 Millionen Osteoporose-Patienten eine durch die Krankheit bedingte Fraktur. Am häufigsten betroffen ist bei diesen Patienten der Oberschenkelhals, gefolgt von Handgelenk, Oberarm, Lendenwirbelsäule und Rip­pen.

Die Folgen dieser Brüche sind häufig schwerwiegend, fast immer müssen die Pati­enten im Krankenhaus behandelt werden. Dabei verschlang die stationäre Versor­gung der Patienten im Jahr 2003 mit rund drei Milliarden Euro mehr als die Hälfte der Kosten, die in Deutschland insgesamt für die Behandlung des Knochenschwundes ausgegeben wurden. Hinzu kommen noch einmal mehr als eine Milliarde Euro für Rehabilitation und Pflege. Knochenbrüche sind dabei die Kostentreiber: Während für die Behandlung eines Osteoporose-Patienten ohne Knochenbruch durchschnittlich 281 Euro aufgewendet wurden, waren es für die Therapie eines Patienten mit Fraktur 9.962 Euro.

Die Kosten für die Verordnung von Medikamenten in Zusammenhang mit der Osteo­porose-Therapie verursachten in jenem Jahr gerade einmal 15 % der gesamten Auf­wendungen für die Osteoporose. Bemerkenswert dabei: 90 % der Osteoporose-Pati­enten erhielten ein Schmerzmittel. Eine spezifische Therapie gegen die Osteopo­rose, die dazu beiträgt, Knochenbrüche zu verhindern, erhielt dagegen nur jeder fünfte Osteoporose-Patient. Die große Mehrheit der Patienten erhält also nur eine Behandlung, die sich gegen die Symptome richtet, aber Knochenbrüche nicht ver­hindern kann.

Dabei empfiehlt der Dachverband Osteologie e.V. (DVO) in seinen im vergangenen Jahr aktualisierten Leitlinien zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteopo­rose, ab einem bestimmten Frakturrisiko (10-Jahresrisiko von über 30 %) eine spezi­fische medikamentöse Therapie der Osteoporose. Zu den vom DVO empfohlenen Präparaten, für die eine Senkung der Frakturrate am besten belegt ist, gehören die Bisphosphonate. Zahlreiche Studien dokumentieren, dass sie das Risiko für Schen­kelhals- und Wirbelbrüche verringern können.


Literatur
1) Häussler B, Gothe H, Gol D, Glaeske G, Pientka L, Felsenberg D. Epidemiology, treatment and costs of osteoporosis in Germany – the BoneEVA-Study. Osteoporos Int 2007;18(1):77-84
 
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