Aktualisiert am 05.08.2010

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Wissenschaftlich untersucht

Reduzierung von Oberschenkelhalsbrüchen als Therapieziel

Professor Dr. med. Peyman Hadji, Marburg

Im Verlauf einer Osteoporose können alle Knochen des menschlichen Körpers zu­nehmend an Stabilität verlieren – das Risiko für Knochenbrüche steigt. In erster Linie betroffen von osteoporosebedingten Frakturen sind dann Wirbelkörper, Oberschen­kelhalsknochen oder Handgelenk, die dann schon ohne oder bei geringen Belastun­gen brechen können. In Deutschland schätzen Experten die Zahl der Frauen mit ei­ner erniedrigten Knochendichte auf rund 8 Millionen. Etwa 2 Millionen Osteoporose­patientinnen hatten bereits einen typischen Knochenbruch.

Mit einer Fraktur des Oberschenkelhalsknochens müssen hierzulande jährlich etwa 150.000 Patienten rechnen – die Tendenz ist steigend. Häufig bedeutet dies für die Betroffenen eine bleibende Bewegungseinschränkung: 76 % der Patienten können schlechter gehen als vor der Fraktur, 22 % sind pflegebedürftig. Eine schwerwie­gende Folge ist die erhöhte Sterblichkeit dieser Osteoporose-Patienten: Etwa 20 % der Patienten mit einer Hüftfraktur überleben das erste Jahr nach dem Bruch nicht.

Das wichtigste Ziel einer Osteoporose-Therapie ist es, diese folgenschweren Kno­chenbrüche zu verhindern. Nach den aktuellen Leitlinien des Dachverbands Osteo­logie (DVO) stützt sich eine medikamentöse Therapie von Patientinnen mit post­menopausaler Osteoporose heute vorwiegend auf den Einsatz von modernen Bisphosphonaten in Kombination mit einer ausreichenden Calciumzufuhr und gege­benenfalls der Ergänzung von Vitamin D.

Moderne Bisphosphonate wie z. B. das Risedronat, können den Knochenstoffwech­sel günstig beeinflussen. Zellaktivitäten, die die Knochensubstanz insbesondere bei Frauen nach den Wechseljahren übermäßig abbauen, werden durch die Behandlung gebremst. Mehrere klinische Studien belegen für die Therapie mit Risedronat bei Pa­tientinnen mit postmenopausaler Osteoporose eine signifikante Abnahme der Kno­chenbruchrate an Wirbelkörpern und Oberschenkelhalsknochen. Diese klinischen Studien wurden unter streng kontrollierten, wissenschaftlichen Bedingungen durch­geführt und haben die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Medikamente nachgewie­sen. So wurden die Patienten, die an solchen Studien teilnahmen, nach genau defi­nierten Kriterien wie z. B. Alter, weiteren Krankheiten oder zusätzlichen Behandlun­gen ausgewählt oder von der Studie ausgeschlossen.

Die strengen Studienkriterien sollen unter anderem sicherstellen, dass die Ergeb­nisse reproduzierbar und vergleichbar sind. Der Nachteil: Die kontrollierten Bedin­gungen dieser klinischen Studien entsprechen nicht notwendigerweise der Alltagssi­tuation, in der ein Arzt in seiner Praxis Patienten ein Medikament verordnet. So kann der niedergelassene Arzt die pünktliche Einnahme des Medikaments nicht überwa­chen oder die Wirksamkeit einer Therapie engmaschig überprüfen. Darüber hinaus ist die Zahl der Teilnehmer und die Dauer der kontrollierten Studien in der Regel be­grenzt. Dies kann dazu führen, dass sehr seltene Ereignisse, wie zum Beispiel be­stimmte Nebenwirkungen, aber auch die signifikante Senkung von bestimmten Krankheitsrisiken, nicht erfasst werden.

Hier kann die sogenannte Versorgungsforschung, die sich mit der Gesundheits- und Krankenversorgung auseinandersetzt, Erkenntnisse über bestimmte Behandlungen insbesondere unter Alltagsbedingungen liefern, die über die Ergebnisse aus den kli­nischen Studien hinaus gehen. Dazu werden meist bestehende Datenbanken ge­nutzt, die bereits gesundheitsbezogene Informationen über Patienten speichern. So liegen zum Beispiel bei Krankenversicherungen Angaben zu Krankheiten, Krank­heitsdauer oder Therapieformen über eine große Zahl von Patienten vor.

Eine solche Kohortenstudie, die den Einsatz von Bisphosphonaten bei Osteoporose in der Praxis untersucht, wurde auf der Jahrestagung der American Society for Bone and Mineral Research (ASBMR) Ende 2006 erstmals vorgestellt.1 Die REAL-Studie (The Risedronat and Alendronat Cohort Study) nutzte als Quelle Versicherungsdaten aus den USA. Ziel der Studie war, herauszufinden, ob eine Behandlung mit den Bisphosphonaten Risedronat oder Alendronat in wöchentlicher Dosierung bei Patien­tinnen, die nach den Wechseljahren an einer Osteoporose erkrankt waren, zu unter­schiedlichen Ergebnissen führt. Ausgewertet wurde dabei die Anzahl von Knochen­brüchen, insbesondere von Hüftfrakturen im ersten Jahr der Behandlung mit einem der beiden Bisphosphonate. Die REAL-Studie zeigt, dass unter den Bedingungen der täglichen Praxis das Risiko für die folgenschweren Brüche des Oberschenkelhals­knochens im ersten Jahr nach Therapiestart mit Risedronat geringer ist, als mit Alendronat. Auch das Risiko für alle Brüche (außer Wirbelkörperbrüche) war mit Ri­sedronat geringer.

Analysiert wurden insgesamt 21.615 Osteoporose-Patientinnen, die Alendronat und 12.215, die Risedronat erhielten. Ihr Durchschnittsalter lag bei 75 Jahren. Die Pa­tientinnen durften in den vergangenen sechs Monaten keine Bisphosphonat-Be­handlung erhalten haben und mussten neu auf Risedronat oder Alendronat einge­stellt worden sein. Anhand von Basisdaten vor Therapiebeginn konnte das vor der Therapie bestehende Knochenbruchrisiko eingeschätzt werden. Die Auswertungen erfolgten nach 6 und nach 12 Monaten Therapie.

Die Ergebnisse im Einzelnen: Nach 6 bzw. nach 12 Monaten beobachtete man ein um 46 % bzw. 43 % signifikant geringeres Schenkelhalsfrakturrisiko bei einer Be­handlung mit Risedronat im Vergleich zu Alendronat. Ein ähnliches Bild ergab sich für die anderen Frakturen (ohne Wirbelsäulenbrüche): Hier lagen die Differenzen zu­gunsten von Risedronat nach 6 und 12 Monaten bei 19 % bzw. 18 %. Obwohl die Aussagekraft einer solchen Kohortenstudie aus verschiedenen Gründen begrenzt ist, steht sie im Einklang mit den Ergebnissen aus klinischen Studien, die zeigen konn­ten, dass der positive Effekt auf das Risiko für alle Knochenbrüche (ohne Wirbelkör­perbrüche) unter der Behandlung mit Risedronat sehr früh nach Therapiebeginn ein­setzt.2

Literatur
1) Silverman SL et al., Osteoporos Int 2007;18:25-34
2) Harrington JT et al., Calcif Tissue Int 2004;74:129-135
 

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